Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die Deutschland teilte. Es war eine sichtbare Mauer, die niedergerissen wurde. Aber es gibt nicht nur die sichtbaren Mauern, die ausgrenzen und isolieren, es gibt auch die unsichtbaren. Die in unseren Köpfen. Die die auch echte Mauern wieder entstehen lassen könnten. Daher habe ich anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren, eine Parabel zu diesem Thema ausgewählt. Das Buch ist sehr witzig aufgemacht und unterhält damit schon die Kleinsten, aber es macht auch nachdenklich und regt zum Diskutieren an. Ein Bilderbuch für Groß und Klein und es hat sogar eine echte eingebaute Mauer.
Darum geht es in der Geschichte „Die Mauer“
Auf der ersten Doppelseite sehen wir viele bunte Gesichter
und es scheint eine fröhliche Stimmung zu herrschen. Dann kommt der blaue König
mit seinem blauen Berater und fragt, wie es sein kann, dass er von so vielen
Bunten umgeben ist. Lange war er nicht mehr in seinem Reich unterwegs gewesen
und es missfällt ihm, was er nun sieht. In seinem Königreich soll es nur die
Blauen geben. Er befiehlt, die anderen Farben wegzuschicken.
Da das nicht zu
100% funktioniert, befiehlt er, eine Mauer zu bauen. Dafür allerdings braucht
er Maurer und das sind die Roten. Sie werden geholt und die Mauer errichtet. Nun
hat der König ein neues blaues Königreich mit roten Maurern.
Aber er will auch
Gärten. Dafür werden die Grünen benötigt und geholt. Und so geht es weiter und
im Königreich wird es bunter und auch enger.
Als der König sieht, dass auf der
anderen Seite der Mauer nur wenige Menschen sind, befiehlt er, die Mauer
niederzureißen. Der König ist sichtlich zufrieden und erfreut sich an den vielen
bunten Gesichtern.
Vorurteile errichten Mauern
Mauern sind vor allen in unseren Köpfen, meist sind es Vorurteile die uns diese Barrieren errichten lassen. Damit entgeht uns aber auch die Chance auf Vielfalt und die Möglichkeit zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Ein Bilderbuch, das zum Nachdenken und Diskutieren anregt. Im Bilderbuch die Mauer wird das kindgerecht verbildlicht, wie unsinnig solch eine Mauer ist.
Eine echte Mauer im Buch
Wie so oft beim 360 Grad Verlag ist auch dieses Bilderbuch besonders gestaltet. Der König baut im Buch eine Mauer und diese Mauer richtet sich im Buch auch tatsächlich in 3D auf.
Auch die einfache Umsetzung mit den bunten Gesichtern lässt das Geschehen einfach nachvollziehen und macht Spaß. Die Geschichte wird übrigens komplett durch Comicblasen als Gespräch zwischen dem König und seinen Berater abgebildet.
Für den Unterricht in Deutsch, Religion und Ethik
Das Buch eignet sich auch wunderbar für den Schulunterricht, sowohl für ein Beispiel einer Parabel im Deutschunterricht als auch in Religionsunterricht oder Ethikunterricht.
Grundsätzlich halte ich es für wichtig und richtig, dass im Unterricht Werte wie Empathie, Respekt und ein gutes Miteinander thematisiert werden. Gleichzeitig habe ich jedoch in Bezug auf dieses konkrete Buch einige inhaltliche und didaktische Bedenken, die ich gerne teilen möchte.
AntwortenLöschenDas Buch vermittelt aus meiner Sicht eine sehr stark vereinfachte und eindeutig wertende Darstellung gesellschaftlicher Vielfalt. Es arbeitet mit klaren symbolischen Gegensätzen, in denen Abgrenzung grundsätzlich negativ und Offenheit grundsätzlich positiv dargestellt werden. Differenzierungen, Zielkonflikte oder auch legitime Spannungsfelder, die mit diesem Thema in der Realität verbunden sind, werden dabei nicht sichtbar.
Gerade weil Migration und gesellschaftliche Vielfalt aktuell kontrovers diskutierte Themen sind, erscheint mir diese Vereinfachung problematisch – insbesondere dann, wenn sie im Unterricht nicht entsprechend eingeordnet und reflektiert wird.
Beim Buch "Die Mauer" lässt sich sachlich sagen:
Es arbeitet mit einer klaren moralischen Dichotomie
(Mauer = schlecht, Offenheit = gut)
Es verzichtet auf Ambivalenzen und Zielkonflikte
Es stellt keine Fragen wie:
Wo sind Grenzen sinnvoll?
Wie geht eine Gesellschaft mit widersprüchlichen Werten um?
Das Buch vermittelt implizit:
Vielfalt ist funktional und positiv
alle tragen etwas bei
Kritik daran:
Das reduziert Menschen auf Nützlichkeit
und blendet Konflikte, Unterschiede und auch Scheitern aus
Im Buch wird die Mauer eindeutig negativ aufgeladen.
Problem:
Es wird nicht gezeigt, dass Grenzen auch:
ordnend
schützend
notwendig
sein können
Das Buch bietet hier keine Abwägung, nur moralische Setzung.
„Bunt gut, Blau schlecht“
Das ist eine typische symbolische Vereinfachung, falls parteipolitisch bezogen ist das unter Hinweis auf den Beutelsbacher Konsens problematisch:
Farben stehen für „richtig“ vs. „falsch“
komplexe Realität wird auf ein klares Schema reduziert
Im Hinblick auf den Beutelsbacher Konsens halte ich es für wichtig, dass:
gesellschaftlich kontroverse Themen auch als solche dargestellt werden (Kontroversitätsgebot),
Schülerinnen und Schüler nicht mit einer einseitigen moralischen Deutung konfrontiert werden (Überwältigungsverbot),
und Raum für eigene Urteilsbildung geschaffen wird.
Meine Sorge ist, dass dies bei einer ausschließlichen Arbeit mit dem genannten Buch ohne ergänzende kritische Begleitung nicht ausreichend gewährleistet ist.
Ich möchte daher anregen,
den Einsatz des Buches im Unterricht kritisch zu prüfen,
bzw. sicherzustellen, dass eine altersgerechte Einordnung und Diskussion erfolgt, die auch unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt.